Der Umgang mit Reizüberflutung - was, wenn nichts mehr geht?
- Sabrina Berger

- 4. Aug.
- 7 Min. Lesezeit
Kennst du das Gefühl, wenn Geräusche, Termine, Gespräche oder ständige Anforderungen einfach zu viel werden? Reizüberflutung ist kein Zeichen von Schwäche, sondern kann Ausdruck davon sein, dass unser Nervensystem und unsere mentalen Ressourcen an ihre Grenzen gelangen. Menschen mit besonderen neurologischen oder psychischen Bedürfnissen wie Hochsensibilität oder Hochsensitivität erleben diese Belastung häufig intensiver.
Für hochsensitive und hochsensible Menschen können belastende Sinneseindrücke wie Reize aus der Umwelt oder dem Körperinneren, die als überwältigend, unangenehm, schmerzend oder stressend empfunden werden, zu einer Reizüberflutung führen. Erschöpfung, Übererregung (Hyperarousal), Untererregung (Hypoarousal), Konzentrationsstörungen, Beklemmung, Atemnot, Schwindel, Übelkeit, physische Schmerzen und psychische Qualen führen zu starken Beeinträchtigungen im Alltag. Den Spruch: „Das wird schon wieder!“, oder: „Du interpretierst zu viel hinein!“, kenn ich nur zu gut. In meiner Praxis begegne ich Menschen, die viel zu lange an sich selbst gezweifelt haben, anstatt Antworten auf ihre besonderen Fähigkeiten zu suchen. Sie fragen lieber: „Wieso bin ich so? Was stimmt nicht mit mir? Wie kann ich resoluter werden?“, anstelle sich ihren naturgegebenen Gaben und "Superkräften" zu widmen. Irgendwann kommt dann die Frage - welche mich in der Praxis besonders freut: „Wie kann ich meine besonderen Fähigkeiten effektiv nutzen lernen?“ So wird aus einer "Schwäche" eine Stärke, die gezielt gefördert und genutzt werden kann.
Je besser du dich selbst, deine neurologischen und medialen Bedürfnisse kennst, desto leichter kannst du gegensteuern und ausgleichen. Für Betroffene kann es unterschiedliche Hintergründe und Ursachen der „besonderen Reizverarbeitung“ geben.
„Was ist eine Reizüberflutung?“ Das Gehirn kann die Menge an Informationen nicht mehr verarbeiten. Es kommt zu unterschiedlichen Stressreaktionen bis hin zum „Shutdown“ oder „Blackout“ in der neuronalen Aufnahme- und Verarbeitungsfähigkeit. Kurz gesagt: „Nichts geht mehr!“ Jetzt sind Stille, Ruhe und gesunder Schlaf wichtig, damit sich das Gehirn erholen kann.

Welcher Nervensystem-Typ bist du?
Sympathikus-Typ (aktiv)
Parasympathikus-Typ (ruhig)
Vagus-Typ (regulierend)
Enterische-Typ (Bauchgefühl)
Hochsensibel (intensive Sinnesreize)
Hochsensitiv (emotionale, intuitive Tiefe)
Annäherungs-Typ (Belohnung)
Vermeidungs- bzw. Hemmungs-Typ (passiv)
Kamp-, Flucht- und Erstarrungs-Typ (Fight, Flight, Freeze)
Anpassungs-Typ (Fawning)
Hochsensibilität: Betroffene nehmen Reize intensiver wahr und verarbeiten sie tiefer (Sinneswahrnehmung und Reizverarbeitung). Etwa 15-20% der Menschen sind betroffen. Sie zeichnen sich durch ein intensiv wahrgenommenes Körperempfinden und Sinneswahrnehmungen aus. Das Nervensystem und die Reizrezeptoren sind sensibler, wodurch Reize in einem breiteren Spektrum wahrgenommen werden können. Dazu zählen schnelle Überreizung, achtsamer Fokus auf Umwelteinflüsse, schnelles Ermüden in Menschenansammlungen, Impulsüberflutung und Brain Fog, Gewissenhaftigkeit, Bedürfnis nach Rückzug und Stille sowie Wetterfühligkeit und eine hohe atmosphärische Wahrnehmung (z.B. bei Sonnenstürmen, Klimawandel, Umweltkatastrophen, Hektik, etc.). Helfen können regelmäßige Pausen zur Reizverarbeitung, Lärmschutz (Kopfhörer mit noise cancelling), klare authentische Kommunikation, Mut zur Aufrichtigkeit, bewahren der eigenen Bedürfnisse und Handlungsfähigkeit, Achtsamkeitsübungen, Focusing und Strategien zur Stressbewältigung (diese sollten im Alltag leicht integrier- und anwendbar sein).
Hochsensitivität: Im Vergleich zur Hochsensibilität zeichnet sich eine hohe Sensitivität durch emotionale, intuitive Tiefe und ein hohes Empathie-Empfinden (sechster Sinn) aus. Beide sind keine Krankheiten oder Störungen, sondern Persönlichkeitsmerkmale und mögliche Erbanlagen. Betroffene nehmen Stimmungen, Energien und zwischenmenschliche Signale Ihrer Mitmenschen stärker wahr (Aura, Energiefeld). Sie verfügen über eine besonders gute Menschenkenntnis (besondere Fähigkeit: Klarfühlen, Einschätzung, Beurteilung, Einfühlen, Nachvollziehen, Vorausschauen, etc.). Helfen können Übungen für Abgrenzung, dem Setzen von Grenzen, ein Aura-Clearing, Affirmationen, positive Psychologie, klare Gespräche, emotionale Balance, systemische Aufstellungsarbeit (hier geht es vor allem um eine klare, stabile Positionierung), aber auch das Fördern von Kreativität, Herz-Offenheit, Vertrauen, Authentizität, Selbstbewusstsein, Selbstliebe, Selbstwert, etc. Die Übungen sollten das Selbstvertrauen stärken und psychisch-, emotionale- und seelische Stabilität aufbauen.
Hyperästhesie: Es handelt sich um eine krankhafte Überempfindlichkeit der Sinne, insbesondere des Tastsinns (Haut), bei Berührungen, Schmerz oder Temperaturreize. Sie tritt häufig durch geschädigte Nerven (Neuropathie) oder Erkrankungen wie Multiple Sklerose, neurologische Ursachen (Polyneuropathien), Entzündungen oder Herpes Zoster (Gürtelrose) auf. Selbst leichte Berührungen, Kleidung auf der Haut oder leichte Wärme-Kälte Schwankungen können unangenehme oder schmerzhafte Empfindungen auslösen. Bereits vorhandene Schmerzreize können übersteigert, oft verzögert oder nachdauernd wahrgenommen werden. Die Behandlung richtet sich nach der zugrundeliegenden Ursache und zielt oft auf die Linderung neuropathischer Schmerzen ab.
Synästhesie: Diese ist ein eher seltenes Phänomen, bei dem Sinnesreize im Gehirn gekoppelt werden, sodass sich die Reize vermischen (vermutlich durch eine genetisch bedingte engere Vernetzung bestimmter Hirnareale). Betroffene Synästhetiker nehmen Dinge doppelt wahr, etwa Buschstaben als Farben, Musik als Formen oder Töne als Geschmack. Es ist keine Krankheit, sondern eine neurologische Besonderheit, die oft mit hoher Kreativität, Merkfähigkeit und Detailerkennung einhergeht. Die Eindrücke sind automatisch, konsistent und individuell.
Psychische Faktoren: Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), Traumata, Schocks, akute Belastungsreaktionen, chronische Schmerzen, Trigger, Flashbacks, Retraumatisierung, etc. können zusätzlich das Nervensystem belasten, verinnerlichte Programme auslösen und die Selbstregulierung erschweren.

Häufige Formen belastender Sinneseindrücke:
Menschenmengen, Situationen die Bewegungs- und Handlungsunfähigkeit vermitteln (u.a. Lift, Kino, Stau, Gondelfahrt, Klettersteig, Seminar, Meeting, Familienfeiern, … Situationen, in den ein hoher Erwartungs- und Funktionsdruck aufgebaut wird), Elektrosmog, Medienkonsum, Licht und visuelle Reize (helles Licht, grelle Farben, chaotische Umgebung), Gewusel und Hektik, Geräuschkulisse (u.a. Lärm durch Baustellen und Verkehr, Kakophonie, laute Gespräche, Dauergeräusche wie ein ticken, surren, piepsen), Gerüche und Tastsinn (penetrante und intensive Gerüche, unangenehme Texturen auf der Haut), Aura-Impulse des Gegenüber (u.a. ungelöste Konflikte, Übergriffigkeit, abrupte Reaktionen), usw.
1. Frühwarnzeichen erkennen
Achte auf typische Signale von Überreizung:
Innere Unruhe oder Gereiztheit
Konzentrationsprobleme
Das Gefühl „alles wird zu viel“
Körperliche Symptome wie unerklärliche, plötzlich auftretende Schmerzen, Müdigkeit, starkes Schwitzen, inneres Zittern, Atemnot, Tinnitus, Hitzewallungen oder Frieren, Erschöpfung, depressive Gedanken, Sprachlosigkeit, Handlungsunfähigkeit (Starre), Fluchtgedanken, etc.
2. Sofortmaßnahmen bei Reizüberflutung
Wenn du merkst, dass es kippt:
Gehe auf Rückzug und gewinne Abstand indem du einen ruhigen Raum aufsuchst (Toilette, Nebenraum, Gang) oder gehe nach draußen (frische Luft, Raum zum Atmen und Ausdehnen)
Atemübung: atme 4 Sekunden durch die Nase ein und 4-6 Sekunden durch die Nase/den Mund aus, wiederhole die Tiefenatmung ca. 5-mal, und fokussiere dich auf das Hier und Jetzt
Du kannst zusätzlich Reize durch Augen schließen, Kopfhörer aufsetzen, durch Riechen an einem Duftöl oder Trinken eines Schluck Wassers, reduzieren
Kaltes Wasser im Gesicht, den Händen oder im Nacken beruhigt dein Nervensystem und löst den Reizfokus auf belastende Impulse
3. Reizmanagement im Alltag
Vorbeugen ist der Schlüssel:
Plane bewusst Pausen nach intensiven Phasen
Reduziere Multitasking und bleib auf das Wesentliche fokussiert
Setze klare Grenzen, z.B. bei sozialen Terminen, Erwartungen und Leistungsdruck
Gestalte deine Umgebung reizärmer (gedimmtes Licht, Geräuschkulisse dämpfen, Ordnung und Struktur halten)
Schaffe dir ein gesundes Zeitmanagement und forciere dein Ausgleichsbewusstsein. Ziehe Bilanz zwischen Geben und Nehmen, überprüfe deine emotionalen Investments in Beziehungen und tägliche körperliche Belastungen. Ja, das Leben kann anstrengend und belastend sein, dabei kommt es aber auf die Dosis an. Ab und zu „durchalten“ müssen ist vermutlich in Ordnung, aber nicht jeden Tag!
Nimm deinen „mentalen Methodenkoffer“ mit (baue dir eine gesunde mentale Einstellung, Mantras und Glaubensmuster auf: „Es ist mein Recht achtsam und respektvoll behandelt zu werden“, „Ich bin es mir wert, wichtig und wertvoll zu sein!“, „Was mein Wohlgefühl steigert, ist jetzt willkommen!“, etc.), Atem- und Meditationstechniken helfen dir deine Eigenwahrnehmung und Selbstfürsorge zu stärken und Tools, die dir beim Fokussieren und Abgrenzen helfen (Aura Spray, Energieschmuck) heben das Wichtige und Wertvolle in den Vordergrund
Reizverarbeitung bei Kleinkindern
Selbst Kleinkinder müssen bereits lernen mit ihren Sinneseindrücken und Reizüberflutung umgehen zu lernen. Sie besitzen ein pränatal, epigenetisch, genetisch geprägtes und durch Umweltfaktoren beeinflusstes Nervensystem, welches noch hochimpulsiv ausagiert und sich zu regulieren versucht. Bei Kleinkindern wird eine Reizüberflutung des Nerven- und Bindungssystems gerne mit dem üblichen kindlichen Trotzen oder Sturheit verwechselt. Zeigt dein Kind folgende Symptome, könnte es sich auch um den Versuch der Reizregulation handeln:
Heftige emotionale und teilweise auch aggressive Gefühlsausbrüche
Körperliche Ausbrüche wie um sich treten (besonders mit den Füßen auf andere Personen), aufspringen, herumlaufen, allgemein unruhiges, zappeliges Verhalten, Kopfschütteln, mit den Armen wackeln, hüpfen, etc.
Wein- und Schreiattacken bis zur Erschöpfung (diese können besonders bedrohlich wirken, wenn das Kind dabei einen hochroten Kopf bekommt, am ganzen Körper bebt, bitterlich weint und um sich zu schlagen beginnt)
Ablehnung in bestimmten Situationen von vertrauten Personen und meist Fokus auf nur eine Person der Wahl, die Halt, Sicherheit, Struktur, ein bestimmendes und gleichzeitig beruhigendes Wesen ausstrahlt (z.B. „Nur meine Mama darf mich in der Nacht beruhigen, mein Papa nicht!“ Vorsicht vor dem Einbürgern alltagsuntauglicher Rituale die im Affekt erdacht und ausprobiert wurden – sofern es für das Kind „funktioniert“, wird es die Abfolge vehement einfordern)
Hohe Reizbarkeit (besonders beim Lernen oder Hausaufgaben machen), Kopfschmerzen, Übelkeit, Bauchschmerzen, Konzentrationsschwierigkeiten, Fluchtdrang und Davonlaufen, Bedürfnis nach einer Pause/Rückzug, schnelle Erschöpfung (meist nach nur 2-3 Aufgaben), innere Unruhe und Nervosität, Prokrastination („Aufschieberitis“), etc.
Soziale und schulische Sorgen- und Ängste (besonders im Zuge des Vergleichens mit anderen, etwas besonders gut machen wollen – Detailbewusstsein steigt gemeinsam mit erstem Leistungsdruck), Angst vor „Geistern“, negativen Energien oder bestimmten Plätzen, etc.
Faszination für das Ungewöhnliche, Freche und Grenzüberschreitende (hier kann das impulsive Wesen ausgelebt und ausprobiert werden), …
Jedes Kind ist individuell und kann Phasenweise unterschiedlich ausgeprägte Symptome für die Entwicklung seines Nervensystems entwickeln. Manche wirken „immer ruhig“, andere sind „kaum wiederzuerkennen“ und zeigen plötzlich Seiten ihres Wesens, die selbst bei ihren Eltern zu „Abwehr- und Selbstschutzreaktionen“ führen können. Sätze wie: „Ich konnte nicht mehr danebenstehen und musste in das Nebenzimmer flüchten!“, „Ich halte die Nächte nicht mehr aus, diese sind inzwischen die Hölle geworden!“, oder „Die Nachbarn denken sich sicher, wir misshandeln unser Kind, so laut schreit es manchmal!“, sind völlig normal! Für Kinder braucht es meist ebenso individuelle Reizkontrolle und Beruhigungsstrategien, um ihnen im Prozess helfen zu können – allgemeingültige Methoden bedingen ein gewissen Begreifen und Umsetzten können, wozu Kleinkinder noch nicht in der Lage sind. Hier braucht es kreative, ziel- und lösungsorientierte spielerische Ansätze, die gemeinsam erarbeitet werden können, um das Kind beim Entwickeln passender Strategien zu unterstützen.
Affirmation: „Ich atme tief in mich und mein Umfeld hinein. Dabei selektiere ich bewusst alle für meine Sicherheit, Stabilität und Gesundheit relevanten Impulse heraus, damit diese im Feld meines Fokus stehen. Feine Hintergrundimpulse dürfen direkt in mein Unterbewusstsein zur tieferen Verarbeitung fließen. Verinnerlichte Impulse können jederzeit durch die Veränderung meines Fokus abgerufen werden, sollte ich diese ins Tagesbewusstsein transportieren wollen. So lerne ich noch genauer, wo meine Grenzen liegen, was gut für mich ist und was nicht!“




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